6. Januar

Der 6. Januar ist ein wichtiger heidnischer west-europäischer Feiertag, wenngleich er noch relativ unbekannt unter Heidinnen und Heiden ist. Die Autorin Marian Green spricht in Bezug auf den 6. Januar sogar von dem neunten Sabbat, also dem neunten Jahreskreis-Festtag.

Gerade im Alpenraum mit dem lebendigen Brauchtum wird aber auch die heidnische Bedeutung des Festtages klarer: Es ist der Perchtentag, der Tag der Befana (in Norditalien) und – vielleicht – der Tag der drei Bethen.

Perchtentag

Anfang des 20.Jahrhunderts waren noch vielfältige Volksbräuche am 6. Januar bekannt, einige davon haben bis heute überlebt. So der Perchtenlauf oder Berchtenlauf in unterschiedlichen Varianten. Heute ziehen meist grausig-gruselig Verkleidete durch die Straßen, oft als Schiachtperchten und Schönperchten – also hässliche und schöne Perchten verkleidet. Diese sollen wohl auf den schönen, fürsorglichen Aspekt sowie auf den strafenden, rächenden Aspekt der Percht hinweisen. Die ältere Variante dieser Perchtenumzüge, die es auch heute noch vereinzelt gibt, geht von Ort zu Ort und über die Felder mit Peitschenknallen, Schellen und Stampfen und viel Lärm. Der Umzug bringt so Fruchtbarkeit auf die verschneiten Felder und treibt die Geister aus. Die meisten der Umzüge finden traditionell am Abend des 5. Januars statt.

In Franken war es bis ins 17. Jahrhundert hin üblich, dass Kinder und Jugendliche in der Nacht zum 6. Januar an Türen und Fenster mit Stöcken und Hämmern klopften, weshalb man es auch Klöpflesnacht nannte. *

Aus Kärnten ist der Brauch überliefert, dass eine hässlich verkleidete Gestalt, die Berchtel, mit Kuhglocke und wildem Gebären von Haus zu Haus zieht und fragt, ob die Leute auch fleißig waren, um sie zu dann zu loben oder zu schelten. *

Außerdem ist in mehreren Regionen als Sagenschatz oder Brauchtum überliefert, dass am in der Nacht zum 6. Januar, bzw. am 6. Januar, nicht gesponnen werden darf und die Arbeit verrichtet sein muss. Sind Frauen mit der Spinnarbeit nicht fertig, kommt die Percht und verklebt den Flachs.

Befana

„Befana“ ist eigentlich eine Verkürzung des Wortes Epiphanie, das auf den christlichen Hintergrund des 6. Januars hinweist: des in Erscheinung tretenden Christus als er von den Weisen aus dem Morgenland erkannt wird. Trotz dieses Hinweises auf die christliche Mythologie ist die Gestalt der Befana sehr offensichtlich heidnischen Ursprungs. Sie gilt als eine alte Frau oder „Hexe“, die aus dem Wald oder von den Bergen herab (geflogen-)kommt zu den Menschen und dort von Haus zu Haus zieht. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dies mit großen Umzügen gefeiert. Heute gibt es nur noch vereinzelt Befana-Umzüge. Befana besucht jedes Haus und artigen Kindern bringt sie Geschenke, unartigen Kohle. Im heutigen Italien werden die Geschenke – entsprechend den Weihnachtsgeschenken – noch immer am 6. Januar von der Befana verteilt.

Traditionell stellt man ihr in der Nacht auch ein Gedeck Essen hin, um sie freundlich zu stimmen.

Befana-Umzüge sind Perchtenläufen sehr ähnlich: Befana ist meist eine schaurige alte Frau, der Umzug führt mit viel Lärm durch die Stadt und Befana befragt einschüchternd die Leute nach ihrem Verhalten, tanzt und hält auch schon mal Spottreden. Bei Befana-Umzügen wird allerdings Befana – bzw eine Befanapuppe – häufig anschließend verbrannt. **

Außerdem ist es Brauch, zu Befana ein Gebäck zu backen, in dem eine Bohne versteckt ist. Die Bohne zu finden, bedeutet Glück fürs kommende Jahr. Dies ist ein alter heidnischer Brauch der heute als Volksbrauch zu unterschiedlichen Festtagen bekannt ist. Laut dem Autor Raven Grimassi diente der Bauch dazu, den Jahreskönig zu wählen. Dieser religiös-zeremonielle Jahreskönig wurde dann nach einem Jahr in Saus und Braus rituell geopfert.

Die 3 Bethen und die Hl. 3 Könige

Während das beschriebene Brauchtum zu Befana und Percht recht klar dokumentiert ist und größtenteils noch heute lebendig, ist das mit den drei Bethen schwieriger. Im Alpenraum sind die drei christlichen Heiligen Katharina, Barbara und Margret als die heiligen drei Madeln bekannt. Außerdem gibt es Hinweise auf die Verehrung einer weiblichen Dreiergruppe Ambeth, Wilbeth und Borbeth. Diese drei Göttinnen könnten später mit den drei Heiligen Frauen gleichgesetzt worden sein. Die Heiligen sind Schutzheilige mit einer Martyrergeschichte, deren Leben aber nicht nachgewiesen werden kann und höchst unwahrscheinlich ist. Da es in einigen oberbayrischen Regionen das inzwischen fast erloschene Brauchtum gibt, dass drei Frauen am 6.Januar umherziehen, die dort als Berchten bezeichnet wurden, gibt das Anlass zu der Vermutung, dass auch der christliche Volksbrauch der heiligen Drei Könige eine direkte Übernahme eines älteren heidnischen Brauches sein könnte. Hier wird dann der Umzug der drei Bethen genannt. Der Brauch des Kreidezeichens und des Haussegens wird auch von Vertretern der katholischen Kirche heute als basierend auf einem heidnischen Schutzzauber angesehen, die Buchstaben C B M (für Christus segne dieses Haus) sind auch die drei Anfangsbuchstaben der drei heiligen Madeln und den Runen Kenaz, Berkana und Ehwaz.

Die heidnische Bedeutung des Brauchtums

Es ist recht offensichtlich dass die geschilderten Brauchtümer eine sehr große Ähnlichkeit miteinander besitzen. Immer geht es um Umzüge: die Percht / Befana, drei Könige oder drei Bethen ziehen über das Land und von Haus zu Haus. Dies hat direkt mit der wilden Jagd zu tun, die in den Rauhnächten über das Land jagt. Angeführt von Wotan*** und seiner Frau, der Percht, oder nur einem von beiden, bringt die Wilde Jagd ursprünglich Fruchtbarkeit und Reichtum für das nächste Jahr. (Später im christianisierten Mittelalter dann Furcht und Schrecken und tötet Kinder und Menschen, die ihr begegnen. Solcherlei Horrorgeschichten über die Begegnung mit der Wilden Jagd werden bis ins 18. Jahrhundert erzählt und sind heute Bestandteil des Sagenschatzes in jeder Region.) Die Percht wird von älteren Autoren und Überlieferungen gleichgesetzt mit der Holle, Hulda sowie der Göttin Frigg. Auch mit Freya und Hel wird sie heutzutage manchmal gleichgesetzt, beides ist aber umstritten.

Die Dialekt-Namen Bercht und Bertha haben große Ähnlichkeit mit „Bethen“ und „Befana“. So dass dies ein Indiz für den Zusammenhang der unterschiedlichen Bräuche ist.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass die Percht lobend oder strafend Kinder oder Menschen beurteilt, ein Brauch der heute auf den heiligen Nikolaus in den meisten Regionen übertragen wurde, in der Befana aber noch deutlich zum Ausdruck kommt.

Außerdem haben alle Bräuche das „Segen bringen“ in Form von Geschenken, Kreidezeichen, Segnungen gemeinsam. Segnungen waren auch die Domäne der Holle, denn sie herrscht sowohl über die Geburt, die Feldfrüchte als auch Spinnen und Wohlstand. Sie ist auch im heidnischen Sinne eine Totengöttin – die Kinder gehen zu ihr zurück, die Seelen leben bei ihr als „Heimchen“ und die Menschen können ein Kind aus dem Brunnen holen – was die Dämonisierung der Wilden Jagd in christlichen Zeiten unterstützt haben könnte. Auch allen Bräuchen gemeinsam ist, dass sie das Ende der wilden Jagd, der Rauhnächte bzw. der Weihnachtsfeiertage kennzeichnen. Meines Erachtens zeigen die Ähnlichkeiten des Brauchtums der Percht, Befana und der Bethen, dass sich alle drei Brauchtumsarten aus dem gleichen Kern entwickelt haben und die wilde Jagd vermutlich zu diesem Kern gehört – oder, wenn nicht die wilde Jagd – dann doch zumindest das Umhergehen der Göttin (mit oder ohne männlicher göttlicher Begleitung).

Ob jedoch das Strafen und Gruseln – wie es in der heutigen Fassung der Bräuche vorkommt auch dazu gehört hat – halte ich zumindest für fraglich. Denn immerhin ist diese Form der Strafe und Bestrafung ein wichtiger Bestandteil des mittelalterlichen und neuzeitlichen europäischen Christentums. Es könnte sich also hierbei auch um die Christianisierung des Volksbrauchs handeln. Ebenso gehe ich davon aus dass die wilde Jagd – also das Umherziehen der Göttin und des Gottes mit einer Schar BegleiterInnen zwar ein ehrfurchtsgebietendes und wildes, energiegeladenes Spektakel war, aber durchaus nicht mit dem Schrecken verbunden war, wie es die späteren Horrorgeschichten glauben machen.

Was ist dann also der heute modern heidnische Kern der Nacht vom 5. auf den 6. Januar?

Es ist das Ende der Rauhnächte, der Lostage, an denen die Welt noch im Fluss ist und das neue Jahr mitgestaltet wird, über das neue Jahr sozusagen entschieden wird. Die Tage, in denen der Schleier zwischen den Welten so dünn ist. Allerdings widerspricht dies der modern-heidnischen Auffassung vom Jahresbeginn zu Samhain, vielleicht begründet durch die Unterschiede des Brauchtums zwischen InselkeltenInnen und GermanInnen. Während nach dieser Betrachtungsweise die Rauhnächte also eine Art Ausnahmezeit sind und größtenteils mit Festivitäten belegt sind, die mit dem 6. Januar beendet sind, ist auch eine Integration des 6. Januars in den Jahreskreis ohne Rauhnächte, denke ich, prinzipiell möglich.

Übrigens wird mancherorts vereinzelt der Perchtentag auch am 2. Januar gefeiert. Das ist ganz interessant, wenn man bedenkt, dass die Rauhnächte auch Zwölfnächte genannt werden und der Perchtentag in Flandern dreizehnter Tag. Während heute nämlich die 12 Tage vom 24. oder 25. Dezember – also Weihnachten – gezählt werden und dann der 6. Januar der 12. bzw. 13 Tag ist, ist von der Wintersonnwende, vereinfacht als 21.12. gesehen, der 2. Januar der 12. Tag. Ob sich aber nun wirklich das Brauchtum mit der Christianisierung verschoben hat, ist reine Spekulation.

Trotzdem ist aus heidnischer Perspektive natürlich die Datumswahl, zumal wenn man den früheren Mondkalender mit in die Überlegungen einbezieht, ziemlich unklar, ein Phänomen, dass aber bei den anderen Jahreskreisfesten durch die unterschiedlichen Kalendersysteme auch zu beobachten ist.

Modern kann der Perchtentag, Befana oder Bethentag zum Beispiel gefeiert werden, in dem eine Speise für Holle / Percht / die Bethen oder Befana bereitgestellt wird. Die Percht bevorzugt traditionell Haferflocken oder Brei, die Befana Brokkoli und Wein. Eine Haussegnung bietet sich an – z.B. mit Kreidezeichen oder auf andere Weise. Auch Wünsche an die vorbeikommende Percht abzugeben (z.B. Briefchen beim Essen bereitstellen) ist naheliegend. Auch könnte der Tag mit einem Ritual begangen werden, dass ein Treffen mit der Percht organisiert. Immerhin zieht diese von Haus zu Haus, eine gute Gelegenheit also, sie persönlich im Ritual kennenzulernen. Allerdings ist das Ich finde, der Tag ist nicht nur als Wunschtag für das nächste Jahr gut geeignet sondern auch, um Haus, Heim und Familie zu feiern und zu ehren

* Gardenstone zitiert in „Holle“ ein Buch von 1898 von Otto Freiherr von Rheinsberg-Düringsfeld. Die Angaben über das ältere, heute nicht mehr praktizierte Brauchtum sind aus Gardenstones Buch übernommen. ** hier war ein Link zu den Nebelpfaden, die nicht mehr existieren. Der Artikel ist von Anfang der 2000er Jahre von mir und wurde im Schlangengesag veröffentlicht.

*** Wotan ist die deutsche / süddeutsche Variante des nordischen Odin

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